Nachgefragt: Kunst-Koffer, ein Projekt mit Transfer-Potential?

Januar 4, 2011 in Allgemein (Alle), Best Practice, Gastbeiträge

Kunst-KofferDie Kunst-Koffer bieten Kindern regelmäßig und kostenfrei künstlerische Mitmach-Angebote. Unter Betreuung von Künsterlinnen und Künsterlen kann jedes Kind seiner Fantasie freien Lauf lassen und mit den Materialien schaffen, was es möchte. Uns ist das Projekt aufgefallen, weil es mittlerweile in immer mehr Städten und sogar schon in den Niederlanden und der Schweiz angeboten wird. Am Ausgangsort Wiesbaden besteht das Projekt bereits seit sechs Jahren.

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Für fundraising2.0 stand Initiator Titus Grab Rede und Antwort.

Was sind die Kunst-Koffer und seit wann gibt es sie?

Die Kunst-Koffer gibt es seit Oktober 2004. Das war zu Anfang Improvisation pur. Nachdem ein Vorläuferprojekt in meinem Atelier stattgefunden hat, sind wir in einer Wellblechhütte in Wiesbadens „Migrantenviertel“ untergekommen und haben von hier aus offene Angebote für Kinder gemacht. Als dann unser Wellblechquartier abgerissen werden sollte, dachte ich: ‚Dann werde ich jetzt obdachlos und gehe mit dem Projekt ganz auf die Straße!‘ Ich habe dann einen Handwagen gekauft und den zum Kunst-Koffer umgerüstet. Da gehen jetzt 120 kg Farben, Ton und anderes Material drauf.
Aus diesem ersten Koffer wurden schnell viele – mit unterschiedlichen Modulen. Der erste und zweite Kunst-Koffer sind ja mit Farbe und Ton unterwegs, ein weiterer nun mit Holzangeboten, einer mit metallischen Materialien. Inzwischen gibt es auch ein fünftes Modul: Feuer. Da wird ein Ofen befeuert, Kleinplastiken mit Streichhölzern entworfen, gekokelt und ausprobiert. Die Wagen werden von unterschiedlichen Leuten mit verschiedenen Schwerpunkten betrieben. Die ersten Projekttransfers fanden also innerhalb Wiesbadens statt.

Wann und wo wurde das Projekt zum ersten Mal übertragen?

In eine andere Stadt übertragen wurde der Kunst-Koffer zum ersten Mal nach Berlin. Dort gab es zunächst einen Kunst-Koffer, den Puppenspieler initiiert haben, weitere folgten dann, die ganz „klassisch“ mit Farben und Ton arbeiten. Später kam ein Frauen-Quartett aus Marburg hinzu, dann Dresden, Mainz, Stendal, Groichenburg (NL) folgten. St. Gallen in der Schweiz ist ein Sonderfall: Das Projekt nennt sich dort „Werkmobil“ und legt Wert auf eine ganz besondere Autonomie.
Gerade waren Freunde aus Kuba und Ecuador in Wiesbaden und sind ganz elektrisiert von dem Projekt. Bald wird es also Kunst-Koffer auch in Südamerika geben!

Wie genau funktioniert der Projekttransfer?

Wir haben fünf zentrale Prinzipien, die immer gewährleistet sein müssen:

  • Das Angebot findet im Freien statt.
  • Es findet regelmäßig und zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter statt.
  • Es ist kostenfrei, eine Anmeldung nicht nötig.
  • Das Team hat einen engen Bezug zur Kunst, weiß, was Improvisation ist.
  • Wie ein Künstler im Atelier sind die Kinder absolut frei in dem, was sie tun.

Ein zweiseitiges Konzept [http://www.kunst-koffer.org/] kann jeder auf unserer Website einsehen. Geheimnisse gibt es keine.
Interessierte, die Kunst-Koffer in anderen Orten auf die Beine stellen wollen, kommen als erstes zum Hospitieren nach Wiesbaden. Das ist eine intensive Phase, die zwei Wochen dauern kann. Sie erhalten dann eine Referenz über die Hospitation, und als symbolische Starthilfe stellen wir auch einen Kunst-Koffer/einen Handwagen mit einer Erstausstattung zur Verfügung. Das Team ist dann autonom in der Entscheidung, wo in ihrem Ort Haltestellen eingerichtet werden und woher die Unterstützung kommt.
Vor Ort beginnt dann so etwas wie eine Pilotphase. Da wird nicht viel PR gemacht, sondern einfach losgelegt. Dann kann man Leute aus der Verwaltung oder potenzielle Sponsoren einladen, sich das Projekt anzugucken. Bisher waren immer alle begeistert.
Der Name Kunst-Koffer ist übrigens ebenso geschützt wie unser Piktogramm – das ist inzwischen ein geschütztes Markenzeichen. Jedes neue Kunst-Koffer-Projekt bekommt eine Schablone unseres Piktogramms und kann damit dann ganz offiziell arbeiten. Auch einen „Ausweis“ mit unserem Logo gibt es inzwischen.

Wie werden die Qualitätsstandards eingehalten?

Das funktioniert bei uns auch auf einer sehr persönlichen, informellen Ebene – wir haben da kein offizielles Qualitätsmanagement. Zum einen telefonieren wir oder treffen uns, wenn es konkrete Probleme gibt. Ansonsten kommen alle Kunst-Koffer einmal im Jahr, im Oktober, in Wiesbaden zusammen, wenn Kunst-Koffer Geburtstag hat – das ist ein Riesenfest mit 400 Kindern und viel Presse. Am Vortag ziehe ich mich mit den Machern aus den anderen Städten zurück. Es gibt da ein Gartengrundstück am Rhein, da machen wir Feuer, kochen, schnitzen und unterhalten uns dabei über die Kunst-Koffer-Arbeit. Das ist immer ein sehr intensiver Austausch. Wichtig ist mir dabei – und da hake ich gerne bei den anderen Kunst-Koffern nach – dass die Kinder wirklich ganz frei in ihrer künstlerischen Betätigung sind. Es geht nicht um eine Anleitung durch Erwachsene, die Kinder sollen wirklich selber machen und sich entwickeln. Der Freiheitsaspekt ist der entscheidende Glücksfaktor für das Kind! Die meisten von ihnen sind 2-3 Jahre dabei. Das wird nie langweilig, weil sie tatsächlich aus ganz eigener Kraft auf immer neue Ideen kommen, die Fertigkeiten sich verfeinern.
2012 wird es übrigens erstmals ein Kunst-Koffer-Symposium geben, auf dem der Kunst-Koffer-Ansatz und andere kunstpädagogische Konzepte diskutiert werden. Benannt ist es nach der Lehrerin Ilse Eigenbrodt, die so etwas wie die Mutter der Kunst-Koffer ist. Sie hat noch bevor die Kunst-Koffer starteten, förderbedürftige Kinder zu mir ins Atelier gebracht, damit sie dort malen, sich entfalten konnten. Ohne sie und ihren Elan würde es die Kunst-Koffer wohl nicht geben.

Warum werden die Kunst-Koffer so oft übertragen, was ist das Besondere an ihnen?

Es macht einfach Spaß zu sehen, wie dankbar Kinder unsere Angebote annehmen. Man kann zusehen, wie sie ganz und gar in ihrem eigenen Tun versinken. Das hat einen ganz besonderen Zauber. Die Kinder stimmen ja jede Woche auf Neue mit den Füßen ab – und kommen wieder. Das Projekt funktioniert ohne Reibungsverluste, wir gehen direkt in die Lebenswelten der Kinder rein, der Fahrplan ist unsere einzige Öffentlichkeitsarbeit.
Dieser Zauber hat übrigens auch schon in andere Bereiche ausgestrahlt: Wir haben regelmäßig Praktikanten aus der Hochschule für Kunsttherapie in Nürtingen und demnächst machen die ersten Schüler bei uns ein Praktikum!

Vielen Dank für das Interview
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Ausschnitt bearb scharf Über den Autor
Henrik Flor arbeitet als Redaktionsleiter und Content-Manager bei der Berliner Stiftung Bürgermut. Die Stiftung betreibt u.a. die Webplattform Weltbeweger, auf der herausragende Beispiele bürgerschaftlichen Engagements vorgestellt werden und sich vernetzen können.
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